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Kommentar: Pionierarbeit

Von: Verena Bentele, VdK-Präsidentin

Ein Kanzler im Rollstuhl? Ein „Krüppel“, wie es damals oft noch hieß, an der Spitze des Staates? Darüber diskutierte man in Deutschland 1997, als CDUkurz fürChristlich Demokratische Union/CSUkurz fürChristlich-Soziale Union die Kanzlerkandidatur für das Jahr 1998 ausfochten.

Das Foto zeigt Verena Bentele, sie sitzt in einem grauen Sessel und hat einen Arm auf der Lehne abgelegt
© VdK / Susie Knoll

Teilhabe eingefordert – und bekommen

Es ging um Wolfgang Schäuble. Seit einem Attentat 1990 war er querschnittsgelähmt, war aber schnell als Bundestagsabgeordneter in die Politik zurückgekehrt. Seine offensichtliche Behinderung zu thematisieren, war aber bis 1997 tabu gewesen. 

Das lag sicherlich an Schäuble selbst, der sich nie als Aktivist für die Sache der Menschen mit Behinderung verstanden hatte. Im Nachhinein ist es verblüffend, wie geräuschlos und schnell der Bundestag für einen Rollstuhlfahrer nutzbar gemacht wurde. Hinter einem höhenverstellbaren Pult konnte Schäuble im Sitzen seine Reden im Plenum genauso gut halten wie große oder kleine Abgeordnete im Stehen. 

Wolfgang Schäuble hat als Mandatsträger seine Teilhabe eingefordert und bekommen. So hat er für die Inklusion Pionierarbeit geleistet. Ob das sein Plan war, sei dahingestellt. Aber er hat mit seiner Biografie bewiesen, dass sich Strukturen verändern lassen. Einfach, indem jemand Teil der Struktur wird. 

Inklusionsgeschichte schreiben

Aktuell können wir wieder eine Pionierin beobachten. Heike Heubach ist als erste gehörlose Abgeordnete in den Bundestag gekommen. Sie ist Nachrückerin, den Einzug ins Parlament hatte die SPDlerin bei der Wahl 2021 nur knapp verpasst. 

Die Industriekauffrau aus Augsburg nennt Klima- und Umweltschutz, bezahlbaren Wohnraum sowie Bildungschancen für Kinder aus benachteiligten Familien als politische Schwerpunkte. Ganz normale Politik eben.

Die Bundestagsverwaltung will dafür sorgen, dass Heubach „ihre parlamentarischen Rechte vollständig ausüben kann“, hieß es. Jetzt werden also Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher zum gewohnten Bild im Plenarsaal gehören. Endlich. In anderen Ländern ist das schon lange Standard. Achten Sie mal in TV-Übertragungen darauf.

Eine Abgeordnete, die einfach ihre Arbeit machen will, schreibt damit Inklusionsgeschichte.